Hofübernahme eines querdenkenden Akademikers - ein Blick hinter die Kulissen von Peter Albrecht Junior

Je mehr Abstand Peter zu seinem Hof hat, umso mehr zieht es ihn zurück zu seinen Wurzeln.

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Wir befinden uns im grünen Herzen Österreichs, in der Steiermark, 10 km Luftlinie vom Red Bull Ring entfernt, an einem sehr idyllischen Fleckchen Erde. Am Waldrand im Grünen steht ein historisches Bauernhaus, das liebevoll dekoriert wurde. Daneben ist ein großer Stall zu erspähen. Peter Albrecht Junior hat vor Kurzem seinen dreißigsten Geburtstag gefeiert. Von seinen Freunden hat er zwei Hängebauchschweine mit rotem und blauem Mascherl bekommen. Peter ist groß gewachsen und durchtrainiert. Seine Arme sind sehnig. Sehnig von der Arbeit im Wald, von der Arbeit auf der Landwirtschaft, die ihm vor 5 Jahren offiziell überschrieben wurde.

Er wirkt sehr nachdenklich und tiefgründig. Sein kräftiger Händedruck verrät, dass er seine Überzeugungen lebt und auf einem guten Weg ist. Obwohl wir uns erst zweimal begegnet sind, sind wir auf einer ähnlichen Schwingung unterwegs. So fühlt es sich für mich zumindest an. Auch Peter ist im Wirtshaus aufgewachsen, betrieben von seiner Mama Liesl im Erdgeschoss des Hauses. Wir lieben Tiere und leben von Tieren. Deshalb fällt es uns zusehends schwerer, Fleisch zu essen. Beide sind wir in die Fußstapfen unserer Eltern getreten, obwohl das nie unser Ziel war. Wir haben sehr früh klargestellt, dass wir unseren eigenen Weg gehen werden. Je mehr Abstand zu unseren Wurzeln, umso mehr hat es uns wieder zurückgezogen.

Um ein fundiertes Wissen aufzubauen und seinen Blick zu schärfen, hat er Forstwirtschaft auf der Boku in Wien studiert. Unter seinen Branchenkollegen dafür teilweise verspottet. Akademiker als Landwirt wirkt für andere wohl eher bedrohlich, da zu viel hinterfragt werden könnte. Bei der Hofübernahme hat Peter von Milch- auf Muttertierhaltung umgestellt. Gerade absolviert er sein Pflichtpraktikum am Bundesministerium für Forstwirtschaft. Nebenbei betreut er am Hof 10 Rinder, 4 Schweine und einige Schafe. Ausgerichtet nach EU-Biorichtlinien. Ohne Gütesiegel (noch).

Interview Peter Albrecht

  • Forstwirt, Landwirt und Gastronom - 3 sehr unterschiedliche und anspruchsvolle Tätigkeitsfelder wurden dir bereits in die Wiege gelegt. Wie bist du damit umgegangen bzw. wie gehst du damit um? Segen oder Fluch? Hol uns doch bitte mal in deine Welt ?

  • Ihr betreibt Muttertierhaltung, was bedeutet, dass eure Kälber bei der Mutter aufwachsen dürfen, die Milch überlasst ihr den Kälbern und ihr konzentriert euch auf die Fleischproduktion.

    In Österreich gibt es ca. 770.000 Kühe, davon 530.000 Milchkühe und 240.000 Mutterkühe. Die Tiere dürfen die meiste Zeit auf der Weide verbringen, auch im Winter. Ihr kauft weder Getreide als Futtermittel zu, noch verabreicht ihr Wachstumshormone. Die verwendeten Futtermittel stammen ausschließlich aus eurem Betrieb und bestehen aus Heu und Gras.

  • Was ist deine Vision für die Landwirtschaft? In Österreich liegt der Anteil von Biobetrieben in der Rinderhaltung bei 22%, bei Schweinen nur 2%. Jeder 5.Bauer setzt auf Bio. Damit sind wir Österreicher Vorreiter. Du bist ja gerade dabei, eure Landwirtschaft auf biologische Rinderhaltung umzustellen. Was musst du dafür verändern?

  • Kürzlich habe ich die Netflix Dokumentation Sustainability-Nachhaltigkeit gesehen, in der unter anderem die Niman Ranch vorgestellt wurde. Gegründet in den 1970er Jahren von Paul Willis, in der Nähe von San Francisco. Seine Rinder und Schweine zählen zu den besten und gesündesten der Welt. Er lässt einfach die Natur ihre Arbeit tun, indem seine Tiere den Großteil ihres Lebens Gras fressend auf der Weide verbringen. Kein Getreide. Kein Antibiotikum, keine zugesetzten Hormone. Pauls Meinung nach, ist es bewiesen, dass Rinder, die auf der Weide grasen viel gesünder sind, als Tiere, die mit Getreide gefüttert und die meiste Zeit im Stall verbringen.

  • Als Gastronomin eines sehr fleischlastigen, steirischen Wirtshaus ist mir aufgefallen, dass die Gäste zwar beste Qualität, ein gutes Gewissen und ein Sättigungsgefühl haben wollen, wenn sie mein Wirtshaus verlassen, jedoch die Bereitschaft einen fairen Preis dafür zu bezahlen, haben sie nicht. Was empfindest du als junger Landwirt dabei, wenn Konsumenten für ein Smartphone bereit sind, 1000€ zu bezahlen, für ein Lebewesen, das du mit viel Zeit- und Energieaufwand (im Idealfall mit Liebe) aufgezogen hast, nicht mal 7,00€ pro kg Biokalb bezahlen wollen. Ganz zu schweigen von 2,60 €/kg Preis für Rinder, 1,50 € für Schweine?

  • Josef Zotter hat ja mit seinem essbaren Streichelzoo viel Aufsehen erregt - weniger kaufen und genießen. Schau deinem Essen in die Augen und denk darüber nach, wo das Essen herkommt.

  • Eigentlich müsste jeder mal ein Tier schlachten - dann würden wir tote Tiere nicht mehr wie gefühllose Gegenstände betrachten und wertschätzender mit Nutztieren umgehen.

  • Was empfindest du, wenn du deine Tiere schlachten musst? Baust du eine emotionale Beziehung zu den Tieren auf? Ihr besitzt ja sogar einen eigenen Schlachthof. Kann dadurch der Stress für die Tiere vermindert werden?

  • Wie tötest du deine Tiere? Es ist ja bewiesen, dass Stress Säure ausschüttet und die Fleischqualität verschlechtert.

  • Lass uns doch mal einen Blick hinter die Kulissen werfen. Ich lese gerade das Buch Tiere Essen von Jonathan Safran Foer, in dem grausam und sehr detailgetreu beschrieben wird, wie Nutztiere überall auf der Welt ausgebeutet und gequält werden, damit wir Menschen uns jederzeit die Bäuche vollschlagen können. Massentierhaltung, in der die Tiere auf engstem Raum ohne Mutter aufgezogen und künstlich ernährt und befruchtet werden, mit Wachstumshormonen und Antibiotikum gefüttert werden. Entspricht das auch in Österreich der Realität?

  • Wieso wird da von der Politik nicht dagegengesteuert?

  • Wir befinden uns in einer Krise - die Menschen sind kränker als jemals zuvor. Wie denkst du, hängt das mit dem Essen zusammen, das wir zu uns nehmen?

  • Der Anbau von genmanipuliertem Soja wurde 1997 via Volksbegehren in Österreich verboten. Der Import aus Südamerika ist jedoch weiterhin erlaubt. Auch in Schweinefleisch mit AMA Gütesiegel wurde genmanipuliertes Soja nachgewiesen. Augenauswischerei.

  • Der weltweite Fleischkonsum ist stark ansteigend - Indien und China ziehen nach. Die Weltbevölkerung wächst und wächst. Gleichzeitig steigt die Temperatur auf der Erde an - die Landwirtschaft ist für 10% der Treibhausgase verantwortlich. Wenn wir das Paris Abkommen von max. 2°C globaler Erwärmung einhalten wollen, wie wird die Zukunft der Fleischindustrie aussehen müssen?

  • Klimawandel: Die Temperaturen verändern sich, was sich maßgeblich auf die Landwirtschaft auswirkt. Als Landwirt und Forstwirt bist du sehr mit der Natur verbunden - welche Veränderungen sind durch das veränderte Klima zu spüren.

- neue Schädlinge, Trockenperioden - Getreideernteausfälle

  • Machst du dir Sorgen, wie sich der Klimawandel in den nächsten 30-50 Jahren auf die Natur und demzufolge auf deine Landwirtschaft auswirkt?

  • In deiner engen Zusammenarbeit mit der Natur und den Tieren - gibt es einen Moment, der dich nachhaltig geprägt hat?

  • Weihnachten steht vor der Tür. Zu Weihnachten geschehen Wunder. Zum Abschluss würde ich dich bitten, dir folgendes vorzustellen: Ein Engel kommt nach Sankt Benedikten und bietet dir an, einen einzigen Fehler der Menschen wiedergutzumachen. Was wäre das?